Die von Karl Wilhelm Ferdinand Solger selbst zum Druck gebrachten Werke werden in einer zuverlässigen Ausgabe wieder zugänglich gemacht. Eine biographisch orientierte Einleitung situiert die Schriften Solgers in ihrem historischen und philosophischen Umfeld, dazu gehören einerseits die Philosophen des Deutschen Idealismus, insbesondere Fichte, Schelling und Hegel sowie die Romantiker, Tieck und Schleiermacher, und der Kreis der »Brandenburgischen Patrioten« um den Verleger Reimer. Kurze einführende Texte werden erläuternde Erklärungen bieten, die Inhalte aufschließen, den historischen Kontext umreißen sowie notwendige philosophische Hintergrundinformationen anbieten. Die einzelnen Schriften sollen einen wissenschaftlichen Kommentar erhalten, der über inhaltliche und editorische Details Auskunft gibt und über den wissenschaftlichen Diskurs der Zeit informiert. Die Ausgabe wird im wesentlichen die veröffentlichten Schriften Solgers neu präsentieren.
Eine Neuedition der Texte Karl Wilhelm Ferdinand Solgers ist sowohl ein Desiderat der Romantik-Forschung als auch der Altphilologie und Philosophiegeschichtsschreibung. Bereits Ende der 70er Jahre des 20. Jahrhunderts entstand der Plan einer Solger-Ausgabe, vorgetragen von Egon Menz. Das Projekt stand in einer Reihe mit dem Vorhaben einer Karl-Philipp-Moritz-Ausgabe, ist aber nicht zustande gekommen. Dazu dürfte auf der einen Seite der Umfang der geplanten Ausgabe geführt haben: Menz wollte eine kritische Edition mit Kommentar und einen Variantenapparat, der unter anderem auch die unzähligen Manuskriptvarianten mitgeteilt hätte. Menz überlegte alles verfügbare Material zu publizieren. Andererseits war die Zeit der editorischen Großprojekte bereits vorüber, so daß das umfangreiche Vorhaben finanziell und personell wohl nicht durchzuführen gewesen sein dürfte. Die Argumente, die für eine Solger-Ausgabe sprechen, sind aber aktueller denn je. Denn außer in verstreuten Nachdrucken, zum größten Teil als Reprographie des Originals, sind die Schriften Solgers nicht mehr zugänglich. Seit über dreißig Jahren ist in deutscher Sprache kein Solger-Text mehr vollständig erschienen. Dies läuft dem ungebrochenen Interesse an den Schriften Solgers zuwider, das sich beispielsweise an der italienischen Auswahledition von Giovanna Pinna zeigt. Eine zuverlässige Neuausgabe der Texte Solgers in deutscher Sprache erscheint deshalb dringend geboten. Die in den Nachgelassenen Schriften mitgeteilten Texte sind zum größten Teil gekürzt, nach der Mitteilung von Egon Menz, z. T. sinnentstellend, zumindest aber geschönt. Außerdem ist augenfällig, daß für viele Textfragmente die unentbehrlichen Nachweise fehlen. Es ist nicht nachvollziehbar, aus welchem Zusammenhang die Ausschnitte genommen und wie sie genau zu datieren sind. Daher sind sie für eine wissenschaftliche Beschäftigung mit Solger, entspringe diese nun literaturwissenschaftlichen, historischen oder philosophischen Ambitionen, nahezu unbrauchbar und nur zu dulden, weil eine andere Textgrundlage nicht vorhanden ist. Ferner entbehren alle Textausgaben einer eingehenden wissenschaftlichen Kommentierung. Das ist insofern bedauerlich, weil die Schriften Solgers schon zu seinen Lebzeiten als schwierig empfunden wurden. Das liegt weniger an der Schriftsprache Solgers, die sich durch besondere Eleganz und Leichtigkeit auszeichnet, als vielmehr an der Dialogform, in die Solger viele seiner Texte literarisch einkleidete. Dadurch wird es notwendig, durch hinweisende Erläuterungen die Positionen der Dialogpartner zu charakterisieren. Außerdem referieren die Figuren häufig philosophische Positionen, nennen ihre Bezugsquellen aber nicht, was der Lebendigkeit der literarischen Dialogsituation auch unzuträglich gewesen sein dürfte. Darüber hinaus ist Solger intellektuell in den beginnenden Vormärz involviert. Seine republikanisch-nationale Gedankenwelt mit ihrer Herkunft aus der Erfahrung des Napoleonischen Frankreichs samt dessen Hegemoniestreben in Europa und der Schwäche Preußens sowie der deutschen Staaten bedürfen historischer Erläuterungen.
Rückblickend könnte es scheinen, als komme Solger nur eine untergeordnete Stelle in der Universitätskultur des beginnenden 19. Jahrhunderts zu. Man nimmt zur Kenntnis, daß erst sein ambitioniertes Eintreten, die philosophische Karriere Hegels in Berlin ermöglichte. Man weiß, daß er als Freund Schleiermachers und Tiecks eine wichtige Rolle spielte in der Personenkonstellation im Berlin nach der Jahrhundertwende. Man anerkennt seine Rolle als Briefpartner der eigentlich wichtigen Schriftsteller seiner Zeit. Man hat Solger nicht vergessen, weil er, zumal in seinem Erwin und den Vorlesungen über Ästhetik, einen wesentlichen Beitrag zur idealistisch-romantischen Debatte um die Stellung der Kunst geliefert hat. Das alles sind Stereotypen, zutreffende freilich, aber verkürzende, Folgen insgesamt einer eingeschränkten Aufmerksamkeit, die sich selbst wiederum nur konsequent aus der ungenügenden Publikationssituation ergibt. Diese vielfältigen Interessen an dem Schriftsteller und Denker Solger müssen um wesentliche Aspekte ergänzt werden: Erstens ist der politi¬sche Philosoph wiederzuentdecken. Die Zeit der sog. Befreiungskriege, die Zeit nach der Napoleonischen Herrschaft, die Restauration und der beginnende Vormärz, bilden den Hintergrund, was die kulturelle Ausprägung der politischen Theoriebildung und des politisch engagierten Schreibens betrifft. Die Synthese eines Nationalismus ohne staatliche Einheit mit einem politischen Liberalismus und Republikanismus ist, und dies betrifft weniger die Geschichtsforschung als die Literaturwissenschaft und Philosophie, ein Stiefkind der wissenschaftlichen Neugier. Das Zugänglich-Werden der Texte Solgers in einer Werkausgabe hätte nun nicht allein den Sinn, eine Art von historischer Gerechtigkeit einzuklagen, sondern würde vielmehr vor Augen führen, welche grundsätzlichen Ambivalenzen im politischen Denken über die nationale Einheit und ihre Verfassung, über die Rolle der Demokratisierung und die politische Willensbildung bereits am Anfang der republikanischen Tradition in Deutschland stehen. Zweitens ist der Praktiker und Theoretiker des Dialogs wiederzuentdecken. Insgesamt hat die Forschung zur Kenntnis genommen, daß Solger Dialoge verfaßt hat, die Literaturwissenschaft stellt ihn in den Zusammenhang mit Shaftesbury und Rousseau, die Philosophie in den Zusammenhang mit Platon und Schleiermacher. Aber die systematische Bedeutung einer Theorie des Dialogs ist nicht mit dem Namen Solgers verknüpft. Hier sind durch eine Werkausgabe neue Impulse zu erwarten, welche die Entwicklung dialogischen Philosophierens und einer Philosophie des Dialogs nachdrücklich befruchten können.
Neuere Arbeiten zum Thema restaurieren mit großer Energie ein Historiengemälde, in dem die Geschichte der westlichen Philosophie als Unterdrückungs- oder Verdrängungsgeschichte des Leibes und des Körpers rekonstruiert wird. Platon etwa, der in seinem Phaidon, den Körper als Kerker der Seele bezeichnet, wird dabei zum Urahnen aller Leibunterdrücker. Das erklärte Ziel ist es, vor allem jede Form von Dualismus in Misskredit zu bringen. Ein kritischer Blick nährt aber den Verdacht, daß diese Rekonstruktionen selbst einem dualistischen Vorurteil entspringen, das ungeprüft aus dem 19. Jahrhundert übernommen wird. Es gilt daher einerseits, die historischen Wandlungen des Problems nachzuzeichnen, um es in seinem Bedeutungsgehalt zu rekonstruieren. Dabei kommt zum Vorschein, dass nur ein konsequenter Substanzdualismus nur äußerst selten vertreten wurde, dass daher der inflationäre Gebrauch als Prügelknabe eher ein Produkt gegenwärtiger Interessen ist. Andererseits gilt: Nicht jede Unterscheidung, etwa die von Geist und Körper, Seele und Leib ist gleich ein Dualismus. Deshalb entwickelt dieses Forschungsvorhaben die These, dass die Unterscheidung von Leib, Seele, Körper und sinnvoll ist, wenn die Hinsicht bedacht wird, unter der unterschieden wird.
Das Ziel der Bibliothek 1800 besteht in einer thematischen Quellenerschließung. Es werden bisher nicht nachgedruckte Texte zugänglich gemacht, die historisch wie systematisch rele-vante Beiträge zu einem Themenbereich bieten. Ausschlaggebend ist dabei die gegenwärtige Aktualität sowie – in zweiter Hinsicht – die historische Bedeutung der zu edierenden Texte. Das spezifische Problem einer angemessenen Rezeption und argumentativen Verwertung die-ser Beiträge liegt aber auch schon viel grundlegender auf der Ebene des textuellen Zugangs: Entweder sind die Texte seit der Erstauflage nicht wieder erschienen oder Neuauflagen der Texte sind bereits wieder vergriffen. In bestimmten Fällen – man denke an Reinhold – erzielt die Gesamtausgabe keinen merklichen Fortschritt. Zudem stellt sich in diesem Zusammen-hang ebenso die Frage nach dem Zweck und Nutzen historisch-kritischer Gesamtausgaben. Nicht dass solche Unternehmungen generell zu weit führen – allerdings bietet es sich im Ein-zelfall an, auf Studienausgaben zurückzugreifen, die die wissenschaftlichen Standards erfüllen, ohne eine editorische Gesamtschau zu vollziehen. Eine gezielte Ausgabe einzelner relevanter Texte entbindet dann auch von der Aufgabe, gleich auch möglicherweise weniger relevante Schriften edieren zu müssen, wie dies bei einer Gesamtausgabe der Fall wäre. Die Bibliothek 1800 wird zunächst Texte zur theoretischen Philosophie herausbringen, insbesondere Texte zur Grundlegung der Philosophie, Anthropologie, Logik.
Neben den regelmäßigen Veranstaltungen, Tagungen, Lesekreisen wird es im Spätherbst auch eine Website geben. Sie wird eine Datenbank bieten, in der alle Aktivitäten, Publikationen und Sachgebiete vorgestellt werden. Außerdem bietet sie ein Forum für die Mitglieder des Forschungsnetzwerks. Ziel ist es, die Anliegen der Transzendentalphilosophie sowohl strate-gisch als auch systematisch zu unterstützen und zu stärken.